
Was zeichnet das Öflinger Modell aus?
Wie ist die Idee zum Öflinger Modell entstanden?
Wie hat sich das Öflinger Modell bis heute verwirklicht?
Welche Perspektiven bietet das kreative Zusammenspiel von Kunst, Kirche und Diakonie?
Das Öflinger Modell befördert einzigartig, praktisch engagiert und visionär den autonomen Dialog und das Zusammenspiel von Kunst, Kirche und Diakonie. Zum 40-jährigen Jubiläum des Hauses der Diakonie Wehr-Öflingen wurde an die von Paul Gräb begründete Tradition angeknüpft und am 25.10.2025 zum Internationalen Symposium „Das Öflinger Modell – kreatives Zusammenspiel von Kunst, Kirche und Diakonie“ in die Tagesstätte Haus Dietrich Bonhoeffer in Öflingen eingeladen. Inspiriert durch engagierte Grußworte und interessante Referate vergegenwärtigten sich die rund 50 Teilnehmenden aus dem Umkreis des Hauses der Diakonie und internationale Gäste das Gewordene und diskutierten engagiert die Zukunft des Öflinger Modells in inspirierter und engagierter Atmosphäre.
Elke Ronneberger, Bundesvorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland und gemeinsam mit Anne-Sophie Mutter Schirmherrin des 40-jährigen Jubiläums des Hauses der Diakonie Wehr-Öflingen, begrüßte die Teilnehmenden im Namen der Diakonie Deutschland. In ihrem Grußwort betonte Elke Ronneberger die Bedeutung der Künste für die Verwirklichung von Inklusion und die auch bundesweite Bedeutung des Öflinger Modells als Pionier in diesem Prozess. Sie beglückwünschte das Haus dazu, dass die Tradition lebendig ist und mit der Gründung des Tanztheaters Öflingen, der Eröffnung der Kunstgalerie „HdD-ART“ und der Ausrichtung der Symposien neue Impulse mit bundeweiter Strahlkraft gesetzt werden.
André Paul Stöbener, Inklusionsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Baden, begrüßte die Teilnehmenden im Namen von Landeskirche und Diakonie Baden und überbrachte die herzlichen Grüße der Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart und des Kollegiums des Evangelischen Oberkirchenrates. In seinem Grußwort erinnerte er an Hanna und Paul Gräb und ihren Mut, „die Kunst in den Raum der Diakonie hineinzuholen (…) und etwas zu schaffen, was in unserer Landeskirche bis heute einzigartig ist: ein diakonischer Ort, an dem künstlerisches Schaffen, gelebter Glaube und diakonische Verantwortung ineinander greifen.“ Die Rolle der Kunst ist darin von elementarer Bedeutung – „Kunst stellt eine Verbindung her. Sie öffnet einen neuen Resonanzraum.“
In seinem anschaulichen und berührenden Referat „Dialoge zwischen Kunst und Kirche. Eine kunsthistorische Einordnung“ kam Dr. Rudolf Velhagen, Kunsthistoriker aus Zürich und Chefkurator des Museums Aargau, ebenfalls auf diesen Resonanzraum zu sprechen. Er spannte dabei einen weiten Bogen und beschrieb den Weg von der mittelalterlichen Kunst im Dienst der Kirche als Verkündigung von Glaubenswahrheiten zu Giovanni Bellini und der „Geburt des künstlerischen Sehens“, zu Marc Chagall und seiner „Verkündigung durch Farbe“ (Kirchenfenster im Fraumünster Zürich) bis hin zu Sigmar Polkes „Offenbarung durch Fragen“ in der Gestaltung der Kirchenfenster für das Großmünster Zürich. Die Bedeutung des Öflinger Modells sieht Velhagen darin, dass der Anschluss der Kunst zur diakonischen Praxis geknüpft ist: „Kunst fördert Empathie, Resonanz, Wahrnehmung. Sie hilft uns zu sehen. Den anderen sehen – dies ist zugleich Ausgangspunkt diakonischen Handelns. (…) In der Begegnung von Kunst und Kirche entsteht kein Konsens, sondern ein Resonanzraum – eine Form geistiger Diakonie.“
Einen konkreten Raum, um sich in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den eigenen Potenzialen neu zu entdecken, den eigenen Ausdruck zu entwickeln, sich darin neu zu sehen und gesehen zu werden, bietet das Living Museum. Eindrucksvoll und praxisnah stellte Dr. Rose Ehemann, Präsidentin der Living Museum Society, St. Gallen, in ihrem Referat „Hoffnungsräume. Das Living Museum als Ort der Verwandlung“ das erfolgreiche Konzept vor. Das erste Living Museum wurde 1983 in New York gegründet, zwischenzeitlich gibt es weltweit 35 Living Museums und 35 weitere entstehen. Das Living Museum bietet Menschen mit Beeinträchtigungen, schwerpunktmäßig psychisch erkrankten Menschen, einen stressfreien Schutz- und Freiraum für Gestaltung und ist zugleich ein Experimentierfeld für eine inklusive, solidarische Praxis und darin Hoffnungsraum.
Als Feld, in dem neue Wege beschritten werden, sich Verwandlung verwirklichen konnte und immer wieder neu verwirklicht, wurde in den zentralen Gesprächsrunden des Symposiums das Öflinger Modell vergegenwärtigt. Jörg Markowski, Geschäftsführer der Haus der Diakonie gGmbH, beschrieb die zentralen Dimensionen des Öflinger Modells als Raum für ästhetisch-sinnliche, philosophische und insbesondere menschliche Begegnung in einer gemeinsamen Vision. Er illustrierte die Meilensteine der Entwicklung und Realisierung dieser Vision: Die erste Ausstellung 1961 unter anderem mit Arbeiten von Otto Dix, HAP Grieshaber, Erich Heckel und Gerhard Marx in der Öflinger Christuskirche, die Symposien, die seit 1971 die Ausstellungen begleiten, 1985 die Eröffnung des Hauses der Diakonie Wehr-Öflingen als Zuhause mit zahlreichen inklusiven künstlerischen Angeboten und seine organische Erweiterung und Entwicklung bis heute.
Zeitzeugen und Botschafter beschrieben ihre ersten Begegnungen mit Hanna und Paul Gräb und ihre Faszination für das Öflinger Modell, die sie bis heute motiviert, sich für seine lebendige Gegenwart und Entwicklung zu engagieren. Dr. Rainer Kaskel, Aufsichtsratsvorsitzender und Vorsitzender des Fördervereins, hob hervor, wie wichtig es war und ist, nach der systematischen Ermordung von Menschen mit Beeinträchtigung durch die Nazis, Menschen mit Beeinträchtigung ein gutes Zuhause in einem lebendigen Miteinander zu bieten. Ulrich Delhey, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Vorsitzender der Hanna und Paul Gräb Stiftung, und Dr. Erich Hipp, Vorsitzender des Vereins Kunst + Diakonie e.V, verwiesen auf die umfängliche Vernetzung des Hauses mit Künstlerinnen und Künstlern, die seine Entwicklung immer wieder neu beleben. Karin Niemann, Mitarbeiterin der ersten Stunde, verdeutlichte, dass gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern die Mitarbeitenden des Hauses mit ihrem enormen Engagement das Herz des Hauses sind. Die Teilnehmenden würdigten die Beiträge und das Engagement der Botschafter mit viel Applaus und gratulierten und dankten insbesondere Dr. Kaskel für seine nunmehr 30-jährige um- und weitsichtige Tätigkeit für das Haus der Diakonie Wehr-Öflingen.
Die Diskussion zu Perspektiven des Öflinger Modells begann Heidrun Meyer, Künstlerin im Haus der Diakonie Wehr-Öflingen, mit einem starken Plädoyer für inklusive Kunst: „Kunst ist für mich eine Befreiung“. Kunst sei ihr wichtig geworden, mit ihrem Einzug ins Haus der Diakonie, besonders genieße sie den Austausch auch mit professionellen Künstlerinnen im Rahmen der Kunstaktionstage und Performances des Tanztheaters Öflingen – „Sie bringen Schwung rein in die Sache“. Stefan Budian, freischaffender Künstler, beschrieb seine reichhaltigen Erfahrungen in den von ihm gestalteten Kunstaktionstagen und deren Einfluss auf sein eigenes künstlerisches Schaffen. Johanna Müller illustrierte, was ihr wichtig ist, im von ihr geleiteten Atelier im Haus der Diakonie und welche Perspektiven sie verbindet mit dem Living Museum, das das Haus mit Unterstützung der Hanna und Paul Gräb-Stiftung in Bad Säckingen eröffnet. André Paul Stöbener betonte die Anschlussfähigkeit auch der künstlerischen Projekte für die inklusiven Projekte der Evangelischen Landeskirche Baden. Anne Wendler, Geschäftsführerin der Diakonie Hochrhein und Mitglied im Aufsichtsrat der Haus der Diakonie gGmbH, vergegenwärtige die elementare Bedeutung der Kunst im Dreiklang mit Kirche und Diakonie im Öflinger Modell. Damit es lebendig bleibt sind eine breite Vernetzung und ein weiterhin starkes Engagement der Mitarbeitenden und ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern. Alle sind herzlich eingeladen, daran mitzuwirken und zu gestalten.
Inklusive Kunst eröffnet neue Horizonte. Auch und gerade in Wehr-Öflingen mit seiner herausragenden und anschlussfähigen Tradition. Erlebbar wurde dies bei der Performance des neuen Kunst- und Klang Projekts, das Luise Martin-Ruffing und Agnes Martin mit dem inklusiven Straßen- und Bühnenchor im Haus der Diakonie entwickeln und realisieren. Erfahrbar wurde dies im inklusiven und internationalen lebendigen Miteinander während des gesamten Symposiums. Das Symposium endete mit der Eröffnung der von Dr. Alexandr Azarkevitch, Kulturmanager im Haus der Diakonie Wehr-Öflingen, kuratierten inspirierenden Ausstellung „Vielfalt / Pascale Nebiker-Schnelli“ in der im Sommer neu eröffneten Kunstgalerie "HdD-ART" und dem offenen Austausch bei Sekt und Brezel.
Die Fotoreportage von Dr. Alexandr Azarkevitch vermittelt Ihnen einen Eindruck des außerordentlich inspirierten und inspirierenden Tages.




















